Notizen aus dem Eis 141 | Buckelwal im Fischernetz


Polarkolumne von Birgit Lutz

Birgit Lutz, eine preisgekrönte Autorin und ehemalige SZ-Journalistin, ist Expeditionsleiterin und gefragte Rednerin.
Ihre Polarkolumne erscheint einmal pro Monat auf unserer Homepage.



Meistens ist es wunderschön, wenn man Wale beobachten kann. Es sei denn, man entdeckt plötzlich noch etwas völlig anderes.

Der Morgen war wie ein Wunder. Es hatte sich eine Kälte um uns gelegt, die man sehen konnte. Die Bäume am Ufer waren weißgefroren, der Schnee leuchtete bläulich im Morgenlicht. Über dem Meer stand Seenebel, die Schwaden zogen nur ganz langsam dahin, denn es war beinahe windstill. Es war einer jener Morgen wie aus einem Bilderbuchnorwegenprospekt. Alles war schon wunderschön, ganz ohne Wale.

Dann aber kamen die Wale mit ins Bild. Wir hatten eine Bucht gefunden, in der sich etliche Orcas und Buckelwale versammelt hatten. Rückenfinnen der Orcas wechselten sich mit den Blasen der Buckelwale ab. Ganz langsam waren sie alle unterwegs. Das passte auf eine seltsame Art so gut zu diesem eingefrorenen Landschaftsbild. Alles war langsam. Wir auch.

Es musste Unmengen an Heringen hier geben, dass sahen wir auch an unserem Tiefenmesser, der immer wieder anzeigte, dass ganze Schwärme unter unserem Schiff hindurch tauchten. Die Bucht hatte sehr steile Wände, die unter Wasser genauso steil weiter abfielen. Vor diesen Steilwänden standen wohl die Heringsschwärme, so dicht, dass die Buckelwale und Orcas sie nicht einmal zusammentreiben mussten mit ihren Flukenschlägen oder Luftblasen.

Denn nun sahen wir, vollkommen aus dem Nichts heraus, ohne vorherige Anzeichen, eines der schönsten Spektakel beim Wale beobachten: Das so genannte Lunge feeding. Die Buckelwale tauchen dabei in kleinen Gruppen von unten an die Fischschwärme heran und mit weit geöffnetem Maul durch die Schwärme hindurch. So erreichen sie die Wasseroberfläche, und erst dort schließen sie, gut sichtbar für uns, ihre gewalten Schlünder. Durch die Barten pressen sie das Wasser nach draußen, die Fische bleiben drin und landen im riesigen Walmagen. Drei, vier fünf Wale gesellten sich hier zusammen und tauchten mit einem lauten Rauschen auf, immer und immer wieder. Wir konnten kaum glauben, was wir sahen.

Und das alles sahen wir ganz allein. Keine Boote, keine Schiffe, nichts, nur wir, die Wale, der Seenebel, die Kälte, das Weißblaugrau um uns. Vielleicht war dieser Morgen einer der schönsten, die ich je in Nordnorwegen erlebt habe.

Es gesellten sich dann aber doch noch andere Boote zu uns, kleine Schnellboote mit Schnorchlern. Und dann geschah etwas, was wir im ersten Moment gar nicht richtig erfassen konnten: Es war nun also hier schon den ganzen Morgen richtig viel Bewegung im Wasser, die Wale fraßen mit Riesenmäulern, drehten sich und zeigten ihre Brustflossen, die Schwanzfluke, und manchmal schlugen sie auch ein bisschen aufs Wasser. Wir beobachteten das alles aus einem guten Abstand, um die Tiere bei ihrem Fressfest nicht zu stören.

Plötzlich aber wurde es unübersichtlich. Einer der Buckelwale schlug mit seiner Fluke aufs Wasser, recht heftig. Das war noch nicht so ungewöhnlich, bei dem, was hier so passierte. Ein Schnorchlerboot ließ seine Schnorchler ins Wasser, recht nah bei dem Wal, das hätte ich jetzt so nicht gemacht, dachte ich mir noch. Der Wal schlug noch einmal. Und auf einmal begann er, sich zu drehen, zu schlagen, und vollkommen unkontrolliert zu bewegen.

Im Fernglas erkannte ich: Der Wal hing in einem Fischernetz. Er hatte eine Leine um den Körper gewickelt, in Höhe des letzten Körperdrittels ungefähr. Und die wollte er loswerden. Endlich reagierte auch der Schnorchelguide und befahl seinen Gästen, aus dem Wasser zu kommen. Buckelwale tun Menschen nichts, aber wenn dieser halb gefangene Wal nun seine tonnenschwere Schwanzfluke auf einen Schnorchler schlug, dann hatte es sich ausgeschnorchelt, auch wenn es ein Versehen war.

Der Wal wurde nun richtig furios; er schlug und drehte sich und blies und machte ein unglaubliches Platschen und Planschen. Wir versuchten, die Boote zu kontaktieren, die dem Wal wenig Raum ließen und wohl noch nicht gesehen hatten, dass der Wal sich verheddert hatte, das gelang aber nicht. Wir riefen also die Küstenwache, was sollten wir sonst tun.

Niemand konnte diesem Tier helfen. Auf Instagram sieht es immer so leicht aus, die Tiere kommen zu den Menschen und lassen sich diese Netze abschneiden. Das ist leider oft nicht wahr, die Videos sind mit künstlicher Intelligenz gemacht. In Wahrheit sind die Tiere in Panik und man bringt sich selbst in Lebensgefahr, wenn man sich ihnen nähert. Auf den Fotos von Magnus, eines lieben Gastes an Bord, konnte man das Netz sehr gut sehen, an dem der Wal festhing. Mehr als fotografieren aber konnten wir nicht.

Es war schrecklich, diesen Wal zu beobachten. Ich erzähle in meinen Vorträgen immer davon, wie viele Meerestiere sich in Netzen und Plastikmüll verheddern, hatte selbst schon verhedderte Eisbären und Robben und verendete Rentiere gesehen. Noch nie aber hatte ich einen solchen Kampf eines Tiers gesehen. Die Geräusche! Die Erschöpfung zwischendurch!

Langsam wurde der Wal müde. Es war ihm aber scheinbar gelungen, das Netz loszureißen, das zuvor am Grund festgemacht war, denn er bewegte sich nun langsam Richtung Nordufer. Von der Küstenwache kam nun die Anweisung, dass alle die Zone um den Wal verlassen mussten. Das taten wir umgehend, die kleinen Boote nicht so schnell. Der Wal bewegte sich nun ganz langsam die Küste entlang, bis wir ihn aus den Augen verloren. Auf unseren Geräten sahen wir, wie sich wenig später ein Schiff des Fiskeridirekoratets in die Bucht bewegte und längere Zeit dort blieb. Was für ein Ende eines solchen Tags!

Am nächsten Tag begegneten wir diesem Schiff wieder. Wir funkten es an und fragten, was weiter geschehen war. Der Kapitän erzählte uns, dass sie den Wal nicht gefunden hatten, wohl aber ein abgerissenes, altes Netz, das im Wasser trieb, und das sie an Bord holten. Der Mann blecherte über Funk, dass es für sie so aussah, als habe er sich befreien können.

Das war mal eine gute Nachricht! Hoffentlich war es auch so – und hoffentlich hatte der Wal keine Verletzungen davongetragen oder anderweitig Schaden genommen. Der Wal hatte viel Glück gehabt. Hoffentlich prustet er auch heute noch munter und satt irgendwo im Nordatlantik vor sich hin und hat das dumme Netz lange vergessen.

Weil das Fiskeridirektoratets-Schiff aber in der Bucht blieb, blieben alle anderen Boote weg. Und so hatten wir, wir konnten es kaum glauben, nochmals einen solch wundervollen Morgen, ganz alleine, ganz in Frieden. Wir stellten den Motor aus und trieben dahin. Um uns nur das Kreischen der Vögel und das Prusten der Wale. Und alles war gut.

Wir lesen uns im Februar!

Polare Grüße,
Eure
Birgit Lutz







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